Beinahe wäre der Junge aus dem Gepäckkorb der Kutsche hinaus geschleudert worden, als der Zweispänner seine rasende Fahrt durch die Nacht endlich beendete und schlingernd im Schlamm zum Stehen kam. Gut eine Stunde lang war er nun durch die eiskalte Winternacht gerast und Benjamin hatte keine Ahnung mehr, wo sie sich befanden. Irgendwo auf dem Land eben. Mitten in der Nacht hatte sich sein Schlafplatz im Leipziger Zentrum plötzlich in Bewegung gesetzt. Mein Gott, war er froh gewesen, als er im Korb der Kutsche eine Wolldecke gefunden hatte. Wer konnte schon damit rechnen, dass morgends um Vier irgend jemand auf die Idee kommen würde, noch einen Ausflug zu machen? Obwohl es sich mitnichten um einen harmlosen Ausflug handelte. So einen schönen und sicheren Schlafplatz hatte er gefunden, Mensch noch mal. Nach einem langen tag auf der Straße hatte er im Gepäckkorb dieser Kutsche geschlafen wie ein Stein und war erst vom Anschirren der Pferde erwacht. Vorsichtig hatte er aus dem Korb heraus gelugt, um zu sehen wie die Fluchtchancen aussahen. Es wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass er in so einer Situation eine Tracht Prügel bekommen hätte. Dummerweise stand einer der beiden Männer direkt neben seinem Versteck, während der Andere die Gäule rückwärts in Position schob und sie anschirrte. Und dann hatte er es gesehen. Der Mann, der neben ihm stand, hatte einen jungen Burschen in seiner Gewalt! Die Hände des Gefangenen waren hinter dem Rücken gefesselt, das Hemd blutig und zerrissen, der Kopf hing ihm auf die Brust. Wenn er versuchte, etwas zu sagen, nuschelte er. Vermutlich hatte er einen Knebel im Mund. Das Messer, das an der Kehle des Gefangenen lag, blitzte hell im Mondlicht auf. An Flucht war nicht zu denken. Die Drei stiegen in die Kutsche ein und Benjamin schloß den Deckel seines Korbes, während das Fahrzeug in zügiger Fahrt das Hoftor passierte und auf die Grimmaische Straße stadtauswärts einbog.
Und jetzt saß er irgendwo auf dem Land fest und hatte keine Ahnung, wie es weiter gehen sollte. Vorsichtig öffnete Benjamin den Korb erneut und sah hinaus. Der Himmel war bedeckt, na gut, besser als sternenklar. Schnell machte er den Deckel wieder zu und wünschte sich sehnlich, wieder in der Stadt zu sein und das Liedchen zu hören: