„Darauf, mein lieber Freund, kann ich ihnen nur mit einer Stelle aus unserem gemeinsamen Schatz, dem Alten Testament, wie Sie es nennen, antworten. Dort schreibt der Prophet Jeremias, ich glaube in Kapitel sechsundzwanzig oder ist es das siebenundzwanzigste? Ich weiß es nicht mehr. Er schreibt jedenfalls an seine in Babel gefangenen Brüder und Schwestern, dass sie sich nicht gegen die Umstände auflehnen sollten. ‚Dienet dem König von Babel, damit ihr am Leben bleibt.’ Und im neunundzwanzigsten Kapitel schreibt er: ‚Baut Häuser und bewohnet sie, pflanzt Gärten und genießt ihre Früchte! Nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter’ und so weiter und so weiter. ‚Mehret und vermindert euch nicht. Suchet…`“, und hier hob er den Finger und die Stimme „… Suchet der Stadt Bestes, wohin ich euch bringen ließ, und betet für sie, denn ihre Wohlfahrt ist eure Wohlfahrt!“
Max war beeindruckt gewesen von diesem Appell, das Provisorische des Lebens zu ignorieren und allen Glauben in die Vorsehung Gottes zu legen. Und er wunderte sich, weil ihm ausgerechnet ein Jude in einer Weise zusprach, die er bei seinem Pfarrer schon so lange vermisste. Der ältere jüdische Herr auf der Bank lächelte ihm freundlich zu und Max versuchte, sich in dem Gedränge zu orientieren, um zum Wachhabenden zu kommen und seinen Leichenfund zu melden. Sein nasser Mantel schleifte am Boden, als er sich vordrängte und ein wenig rempelte, um durchzudringen. Ein Säufer mit Hund schubste erst ihn an, dann schubste Max wiederum ein paar andere Wartende aus dem Weg. Nun spielte der Hund verrückt, weil er die Witterung eines großen aggressiven Rüden aus den Tiefen des Wiegandschen Mantels aufgenommen hatte und stürzte sich in seine Richtung.Aber die Kette hinderte ihn, so dass er nicht an ihn heran kam, während Max wieder einen Meter voran gekommen war und inzwischen die Aufmerksamkeiten einer übermüdeten aber noch sehr lebhaften und spöttisch blinzelnden Hure abzuwehren hatte, die ihn neckte und ihm dabei im Gedränge gleichzeitig in den Schritt und an die Börse griff. Und dann war Max endlich am Tresen angelangt. „Ich muss mit dem Wachhabenden sprechen! Schnell, das ist ein Notfall!“ rief er. Der Wachhabende schniefte rotäugig in sein großes Taschentuch. „Ja, was gibt es denn, guter Mann?“ Nur für den Polizisten hörbar zischte Max zwischen den Zähnen hervor: „Mein Name ist Max Wiegand, ich bin Bauer in Liebertwolkwitz. Ich habe auf meinem Acker eine Leiche gefunden. Der Mann ist nicht an Altersschwäche gestorben, sondern an einer Schussverletzung. Ich bin fast sicher, man hat ihn ermordet. Gott sei seiner armen Seele gnädig und schütze uns vor dem Bösen!“